Fördern von privater Initiative
Entscheidend für die Preisvergabe wurden die Genfer Thesen von 1978, welche vom Heimatschutz «umfassendes Umweltdenken und eine stärkere Ausrichtung auf gegenwarts- und zukunftsbezogene Problemstellungen» verlangen. Der Heimatschutz sollte sich abwenden vom rein reagierenden und protestierenden Schützen des Bestehenden hin zum schöpferischen und dynamischen Handeln und zum Fördern von privater Initiative. Der Preis ging neu an Gemeinden, welche ihren Siedlungsraum unter zeitgenössischen Gesichtspunkten sorgfältig weiterentwickeln, welche respektvoll mit historischer Bausubstanz umgehen und die gestalterische Qualität bei Neubauten fördern.
So war es nur konsequent, dass bereits 1998 – also nur drei Jahre später – mit Vrin wieder eine Bündner Gemeinde ausgezeichnet wurde. Das Bergdorf Vrin, wie Guarda, von der Abwanderung gezeichnet, hatte sich in den 1980er und 1990er Jahren zu einem Modellprojekt entwickelt. Die Einwohner kauften alles freie Bauland auf und entzogen den Ort der Spekulation. Es entstanden neue Ökonomiegebäude – meist als Blockhaus aus Holz in Strickbauweise. Architekt und ETH-Dozent Gion A. Caminada, selbst aus Vrin stammend, entwickelte die Tradition des Holzbaus weiter und erstellte das Gemeindehaus, die Gemeindehalle, die Metzgerei und die Totenstube unterhalb der Kirche. Und so wurde Vrin ausgezeichnet für «die sorgfältige Integration neuer landwirtschaftlicher Ökonomiegebäude ins Dorfbild». Das gelang durch eine Ortsplanung, welche die Bedürfnisse moderner Landwirtschaft berücksichtigt und zugleich auf die traditionellen Strukturen der Siedlung reagiert. Vrin, ein Wakkerdorf nach den neuen Kriterien, wird inzwischen weit herum als Projekt zum Kampf gegen die Landflucht beachtet.