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WAKKERES GRAUBÜNDEN.

Guarda, Splügen, Vrin, Fläsch und neuerdings Bregaglia – diese fünf Bündner Gemeinden haben eines gemeinsam: Sie wurden mit dem Wakkerpreis ausgezeichnet. Seit 1972 vergibt der Schweizer Heimatschutz (SHS) diesen mit CHF 20 000.– dotierten Preis. Zwar ist diese finanzielle Unterstützung durch das Preisgeld eher bescheiden, viel mehr jedoch wiegt die öffentliche Anerkennung der vorbildlichen Leistungen von Gemeinden durch den Wakkerpreis.

Text: Fridolin Jakober
Bilder: Schweizer Heimatschutz

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Doch wer war Wakker? Der Genfer Geschäftsmann Henri-Louis Wakker (1875 – 1972) war von 1905 bis 1911 Bankdirektor in Kairo und eröffnete nach seiner Rückkehr in Genf ein Liegenschaften­büro, wo er Grundstücke und Villen kaufte und nutzbar machte sowie Vermögen verwaltete. Als Bergsteiger in den Walliser und Innerschweizer Alpen entwickelte er eine spezielle Vorliebe für die Städtchen und Dörfer dieser Gegenden und er spendete einen beträchtlichen Teil seines Vermögens dem Schweizer Heimatschutz, der damit und mit weiteren Legaten den Wakkerpreis ausrichtet.

Erhaltung von Ortsbildern

Zu den ersten überhaupt mit dem Wakkerpreis ausgezeichneten Gemeinden gehörte 1975 Guarda. Damals vergab der Heimatschutz den Preis für die Erhaltung von historischen Ortsbildern – und kaum ein Bergdorf ist in der Schweiz so bekannt wie die Gemeinde im Unterengadin mit ihrem charaktervollen Ortsbild. Als Ort, wo das Kinderbuch Schellen-Ursli spielt, mit den Engadiner Häusern, den Tieren und Dorfbrunnen von Alois Carigiet lebensecht porträtiert, ist Guarda der Inbegriff für eine intakt erhaltene, lebenswerte Umwelt. Guarda hatte aber schon damals mit der Abwanderung der jungen Leute in die städtischen Agglomerationen zu kämpfen, denn in der Hauptsache lebte es von karger Berglandwirtschaft und von bescheidenem Tourismus. Dank sorgfältiger Entwicklung und nicht zuletzt dank der Bekanntheit durch den Wakkerpreis gelang es in den 1990er-Jahren, im 130-Seelen-Dorf acht neue Familien anzusiedeln und mit innovativen Ideen die Tradition vor der Spekulation zu bewahren.


Guarda, 1975

Schaffung von touristischen Möglichkeiten

20 Jahre später bekam mit Splügen eine zweite Bündner Gemeinde den Wakkerpreis – doch inzwischen hatten sich die Vorzeichen für die Vergabe verändert. Lag der Fokus in den 1970er und 1980er Jahren noch auf der Erhaltung der Ortsbilder, wurde Splügen für das Zusammenwirken zwischen Erhaltung und nachhaltigem Tourismus ausgezeichnet. Die Gemeinde bewahrt die Substanz des alten Ortskerns durch strikten Schutz, schuf aber gleichzeitig die Möglichkeit, sich vom Säumerdorf zum «sanften» Ferienort weiterzuentwickeln, indem sie eine geschickte Zonenplanung einführte. Dass der Schweizer Heimatschutz gerade Splügen auszeichnete, zeigt seine gewandelte Haltung zum Tourismus. Dieser wird nicht mehr nur als Bedrohung für die kulturellen Werte einer Region wahrgenommen, Tourismus kann – und das zeigt das Beispiel Splügen – eine kulturelle Bereicherung für eine Region sein.

 


Splügen, 1995

Fördern von privater Initiative

Entscheidend für die Preisvergabe wurden die Genfer Thesen von 1978, welche vom Heimatschutz «umfassendes Umweltdenken und eine stärkere Ausrichtung auf gegenwarts- und zukunftsbezogene Problemstellungen» verlangen. Der Heimatschutz sollte sich abwenden vom rein reagierenden und protestierenden Schützen des Bestehenden hin zum schöpferischen und dynamischen Handeln und zum Fördern von privater Initiative. Der Preis ging neu an Gemeinden, welche ihren Siedlungsraum unter zeitgenössischen Gesichtspunkten sorgfältig weiterentwickeln, welche respektvoll mit historischer Bausubstanz umgehen und die gestalterische Qualität bei Neubauten fördern.


So war es nur konsequent, dass bereits 1998 – also nur drei Jahre später – mit Vrin wieder eine Bündner Gemeinde ausgezeichnet wurde. Das Bergdorf Vrin, wie Guarda, von der Abwanderung gezeichnet, hatte sich in den 1980er und 1990er Jahren zu einem Modellprojekt entwickelt. Die Einwohner kauften alles freie Bauland auf und entzogen den Ort der Spekulation. Es entstanden neue Ökonomiegebäude – meist als Blockhaus aus Holz in Strickbauweise. Architekt und ETH-Dozent Gion A. Caminada, selbst aus Vrin stammend, entwickelte die Tradition des Holzbaus weiter und erstellte das Gemeindehaus, die Gemeindehalle, die Metzgerei und die Totenstube unterhalb der Kirche. Und so wurde Vrin ausgezeichnet für «die sorgfältige Integration neuer landwirtschaftlicher Ökonomiegebäude ins Dorfbild». Das gelang durch eine Ortsplanung, welche die Bedürfnisse moderner Landwirtschaft berücksichtigt und zugleich auf die traditionellen Strukturen der Siedlung reagiert. Vrin, ein Wakkerdorf nach den neuen Kriterien, wird inzwischen weit herum als Projekt zum Kampf gegen die Landflucht beachtet.


Vrin, 1998

Den Voraussetzungen angepasst

Wiederum anders die Vorzeichen beim 2010 ausgezeichneten Fläsch, das attraktive Wohnlagen mit guter Verkehrsanbindung bietet. Das Weinbaudorf im Rheintal wird gekennzeichnet durch Wein- und Obstgärten im Dorfkern. Gerade solche Flächen werden vielerorts gerne überbaut. Fläsch jedoch gelang es, durch innovative Ortsplanung und Landumlegungen diese Flächen zu erhalten und sich gleichzeitig baulich weiterzuentwickeln. Das Weingut Gantenbein, das Wohnhaus Meuli, die «Casascura» – Fläsch kann Neubauten vorweisen, die das Ortsbild mit seinen Baudenkmälern stärken.

Nun also wird mit Bregaglia eine ganze Talschaft ausgezeichnet. Weil sie es schafft, die historischen Kerne zu beleben. Weil sie die Umnutzung der nicht mehr genutzten landwirtschaftlichen Bauten sinnvoll und verträglich aktiviert und Bauprojekte obligatorisch durch eine professionelle Bauberatung begleiten lässt. Weil sie zeitgenössische Architektur fördert und gebaute Identität erhält. Kurz: weil sie als fünfte der ausgezeichneten Bündner Gemeinden die Kriterien für den Wakkerpreis erfüllt:

  1. Eine qualitative Weiterentwicklung und Aufwertung des Ortsbildes unter zeitgenössischen Gesichtspunkten ist sichtbar.
  2. Der respektvolle Umgang mit der alten Siedlungsstruktur einerseits und der bestehenden Bausubstanz andererseits zeigt sich im Ortsbild.
  3. Die Gemeinde setzt sich aktiv für eine überdurchschnittliche architektonische Qualität ein (Beratung, Motivation) und geht bei eigenen Bauvorhaben mit gutem Beispiel voran (Architekturwettbewerbe).
  4. Die Ortsplanung ist aktuell und begünstigt eine Entwicklung im Sinne des ausgeschriebenen Wakkerpreises.
  5. Für die Gesamtbeurteilung sind weiter ausschlaggebend: Landschafts- und Umgebungsschutz, Verkehrsplanung, Wohnqualität, Nachhaltigkeit.

Fläsch, 2010Bregaglia 2015