Abos!

AUF SCHUTT UND ASCHE GEBAUT.

Am 11. November 2007 am Sonntagmorgen um 1:35 Uhr geht ein Alarm beim Feuerwehrkommandanten ein: Ein Kaminbrand in einer Hütte auf der Wiesner Alp. Was folgt, hört sich an wie ein Action-Film, worin die Helden gegen mehrere Widerstände ankämpfen müssen.

Text: Laetizia Christoffel     

Bilder: Mathias Kunfermann, GVG

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Zwei Jäger übernachten in einer der Hütten auf der Wiesner Alp auf über 1900 Meter über Meer. Um sich vor der Kälte zu schützen, feuern sie den Ofen ein. Mitten in der Nacht bemerken sie Rauch und Feuer in der Hütte. Sie versuchen, die Flammen mit Feuerlöscher, Wasser und Schnee zu löschen. Vergeblich.

Schnell wird klar, dass die Löschfahrzeuge in dieser Nacht nicht zur Wiesner Alp fahren können: Ein Meter Neuschnee bedeckt alles. Ein Flug mit dem Helikopter ist wegen des starken Schneefalls nicht möglich. Motorschlitten werden aufgeboten.

Unterdessen kämpfen die zwei Jäger verzweifelt gegen das Feuer, das sich immer weiter ausbreitet. Eine Viertelstunde nach dem Anruf bei der Feuerwehr steht die Hütte in Vollbrand. Ein Nordwind in jener Nacht treibt die Funken auf das Nachbargebäude, nur Minuten später auf eine dritte und eine vierte Hütte, die sogleich Feuer fangen. Der Motorschlitten kommt inzwischen hundert Meter vor der Alp zum Stillstand, eine Pistenmaschine muss wegen defekten Keilriemens umkehren. Unterdessen wird die Strasse zur Wiesner Alp mit der Schneefräse geräumt. Als die ersten Feuerwehrleute nach einem einstündigen Fussmarsch auf der Alp eintreffen, stehen mehrere Hütten in Flammen. Der Wasserhydrant muss zuerst gesucht werden, auch er liegt tief unter dem Schnee. Gegen fünf Uhr morgens gelangt mit der Schneefräse das erste Fahrzeug zur Alp. Sofort werden die noch intakten Häuser mit Schnee eingedeckt.

75 Feuerwehrkräfte der Feuerwehren Albula und Davos stehen im Einsatz. Widerstand um Widerstand wird bezwungen, doch trotz des Kampfes können die brennenden Gebäude nicht mehr gerettet werden. Vierzehn Hütten werden völlig zerstört.


Die Alpsiedlung vor dem Brand......während......und nach dem Brand.

Hilfe beim Wiederaufbau

Grau ragen am nächsten Morgen die Kamine wie düstere Mahntürme aus dem Schutt. Der Schock ist gross. Und auch Trauer, Machtlosigkeit und Ärger über den Verlust der seit Generationen weitervererbten und gepflegten Alphütten wühlen die Emotionen auf. Der Schaden beläuft sich auf fast zwei Millionen Franken.

Die Gebäudeversicherung des Kantons Graubünden organisiert die unmittelbare Sicherung der Trümmerteile, den Abtransport des Schutts und später die Säuberung der umliegenden Weideflächen. «Im Allgemeinen waren die Hütten auf der Wiesner Alp eher zu tief versichert. Wichtig ist, dass auch bei kleineren Ausbauten die Versicherungswerte rechtzeitig angepasst werden», betont Roman Calonder, Bereichsleiter Schadendienst bei der Gebäudeversicherung des Kantons Graubünden GVG, «nur so ist das Haus im Schadenfall gedeckt.»

Wie weiter? Im ersten Moment wollte man das Dorf wieder so aufbauen, wie es war, aber seit dem Bau der historischen Gebäude regelten neue Brandschutzvorschriften den Neubau von Häusern. Eine ähnlich enge Bauweise mit Holz und ohne Brandschutzmaterial war nicht mehr erlaubt. Zudem hatten sich die Bedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewohner verändert: Die traditionelle landwirtschaftliche Nutzung von Stall und Wohnteil unter einem Dach brauchten die Familien nicht mehr. Nur einen Monat nach dem Brand waren sich die Besitzer einig, wer die Hütte an welchem Standort wieder aufbaut. Doch zum raschen Wiederaufbau sollte es nicht kommen.

Da das Dörflein als eine der bedeutendsten Alpsiedlungen Graubündens gilt und in die Erhaltungszone eingestuft war, sollten alle Liegenschaften in einheitlichem Stil errichtet werden. Und da waren sich die Eigentümer nicht mehr einig. Ein erster, moderner Entwurf gefiel den Geschädigten nicht. Er entsprach nicht der Bauweise der Walser. Uneinigkeiten und Einsprachen verzögerten den Wiederaufbau der Siedlung.


Nur die Reste der Grundmauern verblieben den Besitzern.In einigen Jahrzehnten wird sich das Holz der neuen Gebäude an  die dunklen Balken der historischen Hütten angeglichen haben.

In Eigenleistung erarbeitet

Erst im August 2010 erhielten Anita und Ernst Bernhard die Bau­bewilligung. Sie wollten am Nordwestrand der Siedlung ein Haus im traditionellen Walser-Stil errichten. Im Winter wurden die Bäume geschlagen und im darauf folgenden Sommer das Fundament errichtet. Fast alle folgenden Arbeiten wurden von Ernst Bernhard und seiner Familie selber ausgeführt. Der Schreiner und seine Söhne arbeiteten Samstag für Samstag und sämtliche Ferientage am Neubau: Sie schälten die Baumstämme, massen die Spurschwelle millimetergenau aus und errichteten in unzähligen Stunden das Erdgeschoss als Strickbau.

Für den Winter wurde ein Schutzdach errichtet. Im zweiten Sommer setzten die drei Männer dann Baumstamm auf Baumstamm – alles in Eigenleistung und mit Manneskraft – und errichteten das Obergeschoss mit Rundholz. Die Kombination von Strickholz- und Rundholzbau war für den Wiederaufbau vorgegeben, ebenso die quadratische Ausmessung der Fenster.

Noch ist die Hütte nicht ganz ausgebaut. Im Obergeschoss werden im Laufe des Sommers die letzten zwei Zimmer fertiggestellt. Trotzdem bietet das neue Gebäude bereits hohen Wohnkomfort. Ein Wassertank liefert fliessendes Wasser und eine Solaranlage sorgt für Strom im Haus: 230 Volt. «So kann ich auch einmal eine Stichsäge ans Netz anschliessen», sagt der gelernte Schreiner, «oder den Staubsauer und die Jungen das Mobiltelefon.» Das wird wohl auch bald wichtig sein für die vier Enkelkinder von Anita und Ernst Bernhard. Auch sie sind gerne auf der Alp. «Das Schönste daran ist der Zusammenhalt der Familie», freut sich Ernst Bernhard. Die unzähligen Stunden, in denen zwei Drittel der gesamten Kosten des Hauses in Eigenleistung erbracht wurden, schweissten die Familienmitglieder eng zusammen – und verankerten bei allen eine grosse Liebe für ihre Hütte auf der Wiesner Alp.


    Die neue Hütte von Anita und Ernst Bernhard am Rand der SiedlungMit viel Liebe zum Detail hat Ernst Bernhard seine Hütte aufgebaut.

Das preisgekrönte Werk

Reto Bernhard hingegen entschied sich für einen anderen Baustil. Seine Hütte steht heute fast an demselben Ort wie vor dem Brand. Da er im Gegensatz zu den anderen kein Haus, sondern einen ausgebauten Heustall besessen hatte, war für den Neubau ein Strickbau vorgeschrieben.  Während sich die Aussenhülle des Hauses mit seinem Strickbau an die bestehenden Gebäude anlehnt, überrascht der Innenraum durch einen modernen Baustil. Eine offene Grundfläche, nur durch eine Glaswand getrennt, lässt den schlicht eingerichteten Raum als Ganzes wirken und den Specksteinofen zur Geltung kommen. Die Fenster und die grosse Eingangstüre geben den Blick auf das atemberaubende Alpenpanorama frei. «Ich wollte die Alp zu mir in die Hütte holen, auch wenn ich einmal nicht draussen sitzen kann», erklärt Reto Bernhard.

Geplant wurde der Neubau von Daniel Ladner vom Architekturbüro Bearth und Deplazes. «Viele finden meine Hütte nicht schön», erzählt Reto Bernhard, «aber für mich stimmt alles.» Das Gebäude fand nicht nur beim Besitzer Anklang: 2015 wurde das Projekt durch die Verleihung des Prix Lignum Ost bekannt. Reto Bernhard freut sich darüber: «Wir dachten, für einen Preis ist das Projekt viel zu klein, aber eine Anerkennung wäre schön. Als dann verkündet wurde, dass meine Hütte den 1. Preis erhält, war das für mich ein riesiges Highlight.» Und so kann Reto Bernhard seine Wiesner Alp mit dem unglaublichen Blick auf die Bergkulisse erst recht geniessen.

Der Grossbrand war ein Schicksalsschlag für alle. Nach bald zehn Jahren erscheint die Siedlung wieder als Einheit. Aber noch sind nicht alle Querelen auf der Wiesner Alp beseitigt. Und vielleicht bräuchte es, wie aus der Kindheitserinnerung von Anita Bernhard, die Ermahnung an den unheimlichen Gesellen, der um die Hausecken pfeift, wenn es auf der Alp stürmt: «Höred jetz uuf, sus chunnt de dr Gwätt-Luzi.»


Alte und neue Hütten wieder in einheitlichem SiedlungsbildReto Bernhards Hütte in Strickbau